Diskurs zum Münchner Nordosten Teil 3

Welche Anforderungen der Stadtentwicklung müssen der Bahnausbau und das Mobilitätskonzept erfüllen?

Die Veranstaltungsreihe “Nach dem Wettbewerb: Wie geht’s weiter mit dem Münchner Nordosten“ ging am 14. Januar 2021 in die dritte Runde. Mit über 250 Teilnehmer*innen war die Online-Veranstaltung zum Bahnausbau und zum Mobilitätskonzept für den neuen Stadtteil noch besser besucht als die am 18. November und 8. Dezember 2020.

Der erste Impulsvortrag von Arne Lorz, Leiter der Hauptabteilung Stadtentwicklungsplanung im Planungsreferat der LH München, stellte die Anforderungen der Stadtentwicklungsplanung an den Bahnausbau und den Stand der Planung dar. Zentrales Thema ist seit vielen Jahren die durch Stadtratsbeschlüsse immer wieder bekräftigte Forderung der Stadt, die auf vier Gleise erweiterte Bahntrasse zwischen Daglfing und Johanneskirchen nur als Tunnel zu realisieren. Als Zulauf zum Brenner-Basistunnel werden hier in Zukunft erheblich mehr Güterzüge vom oder zum Rangierbahnhof München-Nord verkehren. Eine rund 20 Meter breite, von hohen Lärmschutzwänden eingefasste Bahntrasse mitten durch bestehende und künftige Stadtteile im Nordosten ist nicht hinnehmbar – darin waren sich auch später in der Diskussion Podiumsgäste und per Chat mitdiskutierende Bürger*innen einig. Im vergangenen Jahr publizierte die Deutsche Bahn das Ergebnis der Vorplanung mit dem Vergleich der Varianten „ebenerdig“, “Trog“ und „Tunnel“. Die DB favorisiert kaum überraschend die mit 0,9 Mrd. Euro Baukosten geschätzte ebenerdige Variante. Die Stadt konnte jedoch durch die Zusage der Übernahme der Planungskosten erreichen, dass in der nun beginnenden Feinplanung auch die mit über 3,3 Mrd. Euro Baukosten kalkulierte Tunnelvariante weiter vertieft wird.

Bis die Ergebnisse der Feinplanung in zwei Jahren vorliegen möchte die Stadt beim Bund als Bauherrn der Trasse durchsetzen, dass diese Variante zur Vorzugsvariante und tatsächlich gebaut wird. Dazu bedarf es ebenso wie zur Frage einer Baukostenbeteiligung der Stadt letztlich einer politischen Entscheidung des Bundestages.

Im zweiten Impulsvortrag erläuterte Christian Stupka (Stattbau München GmbH) Kriterien und Bausteine eines nachhaltigen Mobilitätskonzeptes für den neuen Stadtteil. Oberstes Ziel ist die Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs – auch um angrenzende bestehende Quartiere in Bogenhausen und in den Nachbargemeinden vor einer „Blechlawine“ zu bewahren. Am Beispiel Prinz-Eugen-Park (ca. 4.500 Einwohner*innen) zeigte Stupka, wie durch eine gute Anbindung per Tram, durch verkehrslenkende Maßnahmen, einen reduzierten Stellplatzschlüssel und vielfältige Mobilitäts- und Sharing-Angebote die tägliche Zahl der Autobewegungen gegenüber den vorherigen Modellrechnungen halbiert werden konnte. Für den neuen Stadtteil im Nordosten bedeutet das vor allem: „ÖPNV first!“

Eine gute Anbindung per S- U- und Trambahn (die allerdings eine urbane Dichte der Bebauung voraussetzt) ist hier unverzichtbare Grundlage für eine stadtverträgliche, autoarme Mobilität. Hinzukommen müssen für einen „Stadtteil der kurzen Wege“ aber noch weitere Zutaten wie ein engmaschiges Angebot an Fuß- und Radwegen, ein urbaner Nutzungsmix mit kleinteiligem Gewerbe, eine vielfältige soziale und kulturelle Infrastruktur und nicht zuletzt flexibel nutzbare Mobilitätsangebote wie E-Carsharing, E-Lastenradverleih, übertragbare MVV-Abos usw., die sich in anderen neue Stadtquartieren schon bewährt haben. Wichtige Voraussetzung für kluge Mobilitätskonzepte und deren Umsetzung ist nicht zuletzt eine frühzeitige Kooperation aller Akteure: Stadt, MVG, kommunale und private Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften. Seinen Vortrag können Sie hier anschauen.

Die nachfolgenden Kommentare beleuchteten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven: Professor Gebhard Wulfhorst (TU München) unterstrich die Bedeutung von Einkaufs- und Freizeitwegen, die rund zwei Drittel der täglichen Wege ausmachen. Auch dafür müssen kurze Wege und Alternativen zum Auto angeboten werden. Entscheidend sind frühzeitige und mutige Entscheidungen, damit schon für die ersten Bewohner*innen des neuen Stadtteils ein gutes ÖPNV-Angebot zur Verfügung steht. Roland Krack (Bürgerinitiative für Bahntunnel von Zamdorf bis Johanneskirchen) lenkte den Blick nicht nur auf den zunehmenden Bahnverkehr und die Notwendigkeit eines Tunnels, sondern auch auf die Auswirkungen eines Mobilitätskonzeptes auf benachbarte Quartiere auch in den Nachbargemeinden.

Georg Dunkel, der neue Münchner Mobilitätsreferent, ordnete die Entwicklungsmaßnahme im Nordosten in die anstehende Verkehrswende und die dafür erarbeiteten gesamtstädtischen Konzepte ein. Er unterstrich die Bedeutung der Verlängerung der U 4 und einer Trambahnanbindung von Süden, die zusammen mit der S-Bahn das „zentrale Rückgrat“ für den neuen Stadtteil bilden sollen. Die weitere städtebauliche Planung und die Verkehrsplanung sollen aus seiner Sicht eng miteinander verzahnt werden.

In der Diskussion konnten einige Fragen aus dem wieder lebhaften (aber stärker als beim letzten Mal auf das Thema der Veranstaltung konzentrierten) Chat aufgegriffen werden. Große Einigkeit bestand in der Forderung nach dem Bahntunnel. Die Entscheidung müsse möglichst bald fallen, auch weil davon die Höhenlage von U-Bahn- und Straßentrassen von Westen abhängt. Gefordert wurde, den politischen Druck auf den Bund zu verstärken und auch um Unterstützung des Freistaats zu werben. Positiv wurde auch eine möglichst frühzeitige Realisierung der vom Bahntunnel unabhängigen Südanbindung per Tram kommentiert. Zu den Gesamtkosten für ÖPNV- und Straßenanbindungen des Gebietes konnte nur auf den weiteren Planungsfortgang verwiesen werden, der auch entsprechende Kostenschätzungen umfassen wird. Auf die Fragen aus Aschheim und Unterföhring zu den verkehrlichen Auswirkungen auf diese Gemeinden wurde vom Podium die Notwendigkeit einer die Stadtgrenze übergreifenden Planung betont und von den städtischen Vertretern angekündigt, die begonnene Kooperation mit den Nachbargemeinden weiter zu intensivieren.

Kontrovers wurde im Chat wie schon bei den ersten beiden Veranstaltungen die geplante Einwohnerzahl des neuen Stadtteils diskutiert – vielen Bürger*innen vor Ort erscheint eine Größenordnung von 10.000 EW als gerade noch verträglich. Auf der anderen Seite besteht aus fachlicher Sicht kein Zweifel, dass die von allen gewünschte U- und Trambahnanbindung eine deutlich größere Zielzahl voraussetzt. Eine Stadtratsentscheidung dazu soll in nächster Zeit fallen. Im Grün-Roten Koalitionsvertrag wurde 2020 vereinbart, den weiteren Planungen im Nordosten eine Zahl von 30.000 Einwohner*innen zugrunde zu legen. Weitere Fragen nach der Zukunft der Kleingärten, zu Reitwegen und zur Verknüpfung der geplanten Grünzüge und des Badesees mit einem attraktiven Fuß- und Radwegenetz wurde vom 1. Preisträger des städtebaulichen und landschaftsplanerischen Ideenwettbewerbs Björn Severin positiv aufgegriffen. Er erläuterte das Freiraumkonzept seines Entwurfes, das in der weiteren Vertiefung der Planungen viele Ansatzpunkte für ein differenziertes Wege- und Freizeitangebot bietet.

Winfried Eckardt von der Münchner Volkshochschule, der den Abend mit viel Sach- und Ortskenntnis moderierte, kündigte an, dass die zahlreichen Diskussionsbeiträge und Fragen aus dem Chat der gesamten Veranstaltungsreihe thematisch sortiert an das Planungsreferat mit der Bitte um Beantwortung weitergegeben werden.

Die Süddeutsche Zeitung berichtete ausführlich und kompetenz über die Veranstaltung.


Am 11. Februar 2021 geht es (wieder Online) weiter mit dem Thema „Urbane Mischung- welche Bedarfe für Handwerk, Gewerbe und Kultur gibt es im Nordosten“. Das Programm der gesamten Reihe ist zu finden unter https://www.evstadtakademie.de/reihe/12621/.

Die Veranstaltungsreihe ist ein Gemeinschaftsprojekt der Münchner Initiative für ein soziales Bodenrecht, des BayernForums der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Evangelischen Stadtakademie und der Münchner Volkshochschule/ Nord-Ost-Forum in Kooperation mit dem Ökologischen Bildungszentrum und NordOstKultur e.V.

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